Kolumne

Von Kunst, Kreativität und deren Wertung

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Was Kunst und was gut ist, liegt im Auge des Betrachters. Kein Geheimnis. Aber wer bestimmt das? Wer ist überhaupt dazu in der Lage zu beurteilen was genau an kreativer Arbeit gut oder schlecht ist? Kann man das überhaupt?

Das Problem beginnt bereits in der Schule. Ein Dialog zwischen Schüler und Lehrer, der tatsächlich so stattgefunden hat:

Lehrer: “Was ist das?”

Schüler: “Ich habe getöpfert.”

Lehrer: “Ok. Folgender Deal: Ich gebe Ihnen eine 1 und Sie lassen im Gegenzug das da verschwinden.”

Tatsächlich empfand ich die Entscheidung des Schülers, dieses nicht ganz korrekte Angebot des Lehrers anzunehmen, durchaus intelligent, denn: die getöpferte Figur ähnelte  eher einer zusammengefallenen Sandburg als einer hübsch anzusehenden Frau.

Dieses Beispiel zeigt 2 Dinge:

1. Was gut ist, ist subjektiv: Sowohl der Lehrer, als auch ich waren der Meinung, dass die Tonfigur diplomatisch ausgedrückt eher suboptimal gelungen ist. Der betroffene Schüler anscheinend auch. Über mich lässt sich wahrhaftig die Aussage treffen, dass ich nur sehr wenig Ahnung von Kunst habe. Als das zeichnerische Talent verteilt wurde, war ich jedenfalls woanders. Die tatsächliche handwerkliche Qualität des Ganzen sowie den Schwierigkeitsgrad der Aufgabe konnte ich daher nicht beurteilen. Ich wusste nur: das Ergebnis gefällt mir nicht und stellt in meinen Augen nicht das dar, was es eigentlich sein sollte. Absolut subjektiv. Wer weiß – vielleicht hätte es tatsächlich noch jemanden gegeben, der das Kunstwerk aus dem Müll gefischt und sich dekorativ in die Wohnung gestellt hätte? Vielleicht jemand, der eben zusammengefallene Sandburgen sehr gern mag? So wurden beispielsweise schon nicht ganz unerhebliche Summen für Bilder bezahlt, die Tiere gemalt hatten und deswegen “nur” bunte, willkürliche Striche auf einer Leinwand zeigten. Einige halten das für eine geniale Idee, andere halten es für Blödsinn. Eine Frage des Geschmacks.

aber….

2. Was Schrott ist, ist nicht ganz so subjektiv wie wir häufig denken: Schließlich waren sich offensichtlich 3 Personen ganz unabhängig voneinander darüber einig, dass dem Schüler keine Töpferkarriere bevorsteht. Das ist auch in der Musik so: man muss beispielsweise selbst kein Musiker sein um beurteilen zu können, ob der jeweilige Kandidat einer Castingshow seine Sache gerade gut macht oder nicht.

Woran liegt das? Ob eine künstlerische Arbeit (ganz egal welcher Art) gut oder schlecht ist, kann man anhand gewisser Parameter zumindest erahnen und so eben auch einigermaßen fair bewerten. Im Fall des Kandidaten aus der Castingshow wären das beispielsweise: Intonationsfähigkeit oder Rhythmusgefühl. Ob jemand Töne trifft und im Takt bleiben kann ist nicht subjektiv – und auch dem musikalischen Laien fallen Fehler in diesen Gebieten auf. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Kandidat wohl wieder nach Hause geschickt wird.

Aber warum ist Kunst trotzdem so subjektiv? Meiner Meinung nach ist Kunst ab dem Zeitpunkt völlig subjektiv, an dem diese oben erwähnten Parameter vorhanden sind. Trifft der Castingkandidat die Töne sauber und bleibt im Takt heißt das noch lange nicht, dass ich sofort von ihm begeistert bin. An dieser Stelle stellt sich beispielsweise die Frage, ob ich den Klang seiner Stimme mag oder sein Auftreten sympathisch finde. Das entscheidet mein persönlicher, subjektiver, charakterabhängiger Geschmack. Ein Bild kann noch so toll gemalt sein: wenn es rosa ist, kommt es mir nicht ins Haus. Bei einer ganzen Reihe meiner Freundinnen hingegen schon.

Künstlerische Leistungen sind daher mit Hilfe verschiedener Kriterien durchaus bewertbar, ab einem gewissen Grad jedoch gleichzeitig auch vollkommen subjektiv. Genau das ist es, was sie so spannend macht.

9 thoughts on “Von Kunst, Kreativität und deren Wertung”

  1. Hm interessant.Hab ich noch nie so drüber nachgedacht. Das Kunst subjektiv is stimmt, das is jedem klar, aber stimmt: alles geht eben nicht als Kunst durch. Großen Mist erkennen in der Regel alle egal ob Vorbildung oder nicht. Nur wo die Grenze ist da sind sich noch nich alle so einig

  2. Wow, was für ein beeindruckender Artikel. Das Thema ist nicht sehr einfach, deshalb finde ich es gerade so beeindruckend wie gut du deinen Standpunkt erklärt hast. Und stehe vollkommen hinter dir! 🙂 Kunst ist und bleibt in jeder Hinsicht spannend.

  3. Picaso wurde das Zitat zugeschrieben “Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.” Das Thema “Was ist Kunst” muß jedef für sich selbst beantworten.
    Ich finde deine Einteilung in Subjektiv und Objektiv ganz gut.

    Wenn ich ein Handwerklich gut gemachtes Foto sehe, kann es aber auch vorkommen das es nichts künstlerisches für mich hat (es gibt für mich kein Bildaussage, oder das Bild ha nur Unterhaltungswert). Das ist aber unabhänig von meinem Geschmack, es gibt berreiche der Kunst (perormancekunst udn Fotografie) die definitiv nicht meinen Geschmack treffen bei denen ich aber zugestehen muß “das ist Kunst”.

    Gruß Stephan

  4. Mhm kompliziert. Ich denke dass du da nicht falsch liegst…was ich nicht als Kunst empfinde obwohl es gut gemacht is, kann für denjenigen, ders gemacht hat, durchaus Kunst sein
    Wo Kunst anfängt Kunst zu sein ist meine persönliche Entscheidung und daher auf jeden fall Geschmack

  5. Auch hier gilt eigentlich mein “Alles gesagt.”, ich finde deinen Artikel klasse geschrieben und genau getroffen. Ich hatte gerade heute ein Gespräch mit einer befreundeten Mutter – wir haben uns ausgetauscht über die Kunsttalente unserer Söhne. Als Mutter sieht man das Thema Kunst im Schulunterricht ja sicher mit ganz anderen Augen als ein Lehrer das tut (seufz). Und dennoch sind wir schlussendlich zu einem ähnlichen Schluss gekommen, wie du es in deinem Artikel beschreibst (auch wenn hier bei uns zuhause sicherlich einige Bilder hängen, die das Mutter-Herz eben ausgewählt hat – hier gilt in jedem Fall, dass die Kunst im Auge des Betrachters liegt :-). Danke für deinen tollen, bereichernden Artikel.

    Viele Grüße und einen schönen Abend
    antetanni

    P.S. Und wenn ich dann auch noch irgendwann das “Rebloggen” verstanden habe (es will irgendwie nicht einfach so mit einem “Klick” funktionieren…ich bleibe aber dran, so schnell gebe ich nicht auf), dann reblogge ich diesen und deinen tollen Kunstfiguren-Artikel auch sehr gerne, weil sie mir so aus der Seele sprechen.

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