Kolumne, Musikwelt

Musik, ahja…ähm…und was macht man dann damit?

Ich hasse sie, ich hasse sie wirklich, diese “Und, was machst du so?”-Fragen. Jedenfalls dann, wenn sie nicht aus ernsthaftem Interesse gestellt werden, sondern hauptsächlich darauf abzielen, sich mit seinem Gesprächspartner zu vergleichen – und natürlich als Sieger aus dieser Situation hervorzugehen. Diese dämlichen MeinJob, dein Job-Battles sind einer der Gründe, aus dem ich Veranstaltungen wie Klassentreffen, bei denen solche Gespräche häufiger vorkommen, so gut es geht meide.
 
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Es ist eigentlich ein ganz schöner Samstagabend, als ich sie auf dem Geburtstag einer Freundin mit einem breiten Lächeln auf mich zukommen sehe. Schon in der Schule konnte ich sie nicht leiden. Einfach, weil ich ihre Art nicht mag und die meisten ihrer Ansichten nicht teile. “Ach, das ist ja wirklich ein toller Zufall, dass wir uns hier treffen….” sagt sie, während sie sich mir gegenüber setzt: “Das ist bestimmt ein paar Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben…Wie geht’s dir?” Sie lächelt immer noch. Ich kann mir nicht helfen, aber es wirkt künstlich und aufgesetzt.
Eigentlich habe ich keine Lust mich mit ihr zu unterhalten, antworte aber dennoch mit dem obligatorischen “Mir geht’s gut, danke.”. Das und du?, das man normalerweise noch hinter solche Aussagen setzt, lasse ich bewusst weg. Ein kleiner versteckter Hinweis, dass ich wirklich keinen Wert auf eine ausführliche Unterhaltung über unsere Zukunft lege. Schließlich kenne ich sie. Schon seit Jahren. Und ich weiß genau: Was ich mache und wie es mir geht interessiert sie eigentlich nur, um sich mit mir zu messen: Wer von uns hat das coolere Studienfach, wer von uns studiert (denn dass man das nach der Schule zu tun hat, steht für sie außer Frage) in der besseren Stadt und wer von uns ist schneller damit fertig, arbeitet schon in dem Bereich, hat die cooleren Reisen, Praktika und Auslandssemester,…kurz: Es geht ihr nicht um mich und um die Frage, ob es mir wirklich gut geht und ich die für mich richtige berufliche Laufbahn gewählt habe, sondern um einen ganz direkten Vergleich, um ein Ranking unserer beiden Lebenswege. Mein Haus, mein Boot, mein Pferd mit Studium, Status und Beruf.
 
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Dummerweise versteht sie meinen versteckten Ich habe keine Lust auf eine Unterhaltung mit dir-Hinweis natürlich nicht und beginnt munter darüber zu plaudern wie ihr Studium verläuft und was sie nicht schon alles tolles erlebt hat – ihre Wahl ist auf Medizin gefallen “Es ist einfach soooo toll als Ärztin Menschen zu helfen und wirklich etwas zu bewegen…so schön zu wissen, dass man gebraucht wird und etwas bewegen kann.”. Auch hier drängt sich mir wieder der Eindruck auf, dass das alles nur Floskeln sind und sie das nicht ernst meint. Andere Menschen waren ihr nämlich noch nie sonderlich wichtig. Zumindest nicht, wenn sie weniger im Portemonnaie hatten. Ich kenne sie als jemanden, der nach oben buckelt und nach unten tritt.
 
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Es kommt wie es nicht anders kommen konnte, ihren ausschweifenden Ausführungen über ihr tolles Leben, folgt der Satz: “Und was studierst du?” (Wie gesagt, dass es Menschen gibt, die eine Ausbildung dem Studium vorziehen, kann sie sich nicht vorstellen) Während ich noch überlege, ob ich ihr tatsächlich antworten oder einfach sagen soll, dass ich keine Lust darauf habe mich mit ihr zu unterhalten, höre ich eine Freundin sagen “Tina macht Musik. Musik und Germanistik.” Vielen Dank. Jetzt bin ich mitten in einem Gespräch, das ich eigentlich nie führen wollte. “Ach Musik? Interessant…” ihr Lächeln wird immer breiter – klar, in ihrer Welt schlägt Medizin Musik und Germanistik um Längen “bestimmt auf Lehramt?” Würde ich jetzt noch bestätigen Lehrerin werden zu wollen, hätte sie den Schlagabtausch gewonnen. Schließlich werden doch nur die Leute Lehrer, die nicht wissen was sie sonst machen sollen. Das ist für sie ganz klar. “Nein, kein Lehramt.”, antworte ich in der Hoffnung, das Thema habe sich damit erledigt. Doch sie setzt erneut an, diesmal sogar ehrlich erstaunt: “Nicht? Aber was macht man denn dann mit dieser Fächerkombination?”.
 
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“Mit dieser Fächerkombination wird man beispielsweise Musikwissenschaftler und naja, zusätzlich schreibe ich auch…” antworte ich, mittlerweile leicht genervt. Schließlich habe ich derartige Gespräche schon häufiger führen müssen. “Und bevor du weiter fragst..” füge ich hinzu “Nein, ich rette damit keine Menschenleben wie du und nein, überlebenswichtig ist dieser Job auch nicht. Aber: Es macht mir Spaß. Ich finde es spannend mich mit Musik und deren Wirkung auf Menschen zu beschäftigen und ich glaube auch, dass Musik – generell Kultur – ein wichtiger Bestandteil von uns Menschen und unserer Geschichte und es damit wert ist, beachtet zu werden.”
 
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Dieses Ranking, das permanente Kräftemessen über den besseren und spannenderen Job, halte ich einfach für Quatsch. Für mich hat ein Beruf immer noch etwas mit Berufung zu tun – viel wichtiger, als die konkrete Tätigkeit ist für mich die Frage danach, ob man sich damit wohl fühlt, ob man mit dem, was man täglich tut, glücklich und zufrieden ist und sich auf die Arbeit freut.
Natürlich leisten gerade diejenigen, deren Arbeit für die Menschheit überlebenswichtig ist, viel. Aber auch (oder vielleicht gerade) als Arzt sollte man sich berufen fühlen – das ist eben nicht jeder. Und das ist auch in Ordnung so. Schließlich können wir ja nicht alle Ärzte werden. Deshalb überlasse ich diesen Job den Menschen, die sich dazu berufen fühlen und dafür 100mal besser geeignet sind als ich.

 
Ein großer Dank geht an Verena für diese tollen Bilder.

13 thoughts on “Musik, ahja…ähm…und was macht man dann damit?

  1. Ohhhhja. Solche Menschen gibt es halt leider überall! Ich kenne auch solche Exemplare. Das sind vor allem bei mir aber die, die damals dachten, dass ich eines dieser Asi-Mädchen bin. Ich habe früh angefangen zu rauchen, war auf Partys, hab mich ausgelebt und ja eben auch ein Jahr wiederholen müssen, weil ich schlichtweg zu faul war. Das sind dann die Menschen, die auf mich zukommen, weil sie gehört haben, dass ich sowohl im Fachabi, als auch in der Ausbildung Jahrgangsbeste war, dass ich jetzt in Hamburg wohne und für ein Online-Magazin schreibe. Das sind die Menschen, die anscheinend ein so langweiliges Leben zu haben scheinen, dass andere Menschen, wie ich, zum Mittelpunkt eines gesamten Abendgesprächs werden können. Auch anders gesagt: Menschen aus einem Kaff aka. Kleinstadt. Ich reagiere oft wie du, sage nur das nötigste und versuche mich schnell aus dem ganzen Schlamassel wieder rauszuziehen. Aber was solls? Ganz davon abgesehen, dass ich es furchtbar finde, wenn jemand Arzt, Lehrer oder sonst etwas wird, nur um den Status zu haben. Das hilft den Menschen nämlich rein gar nichts. Aber wir sind wenigstens froh mit dem, was wir haben, was wir machen und was wir dadurch vielleicht auch anderen Menschen geben. Da schließe ich mich dem Kommentar über mir an: Hauptsache du bist glücklich!

  2. Wie ich das kenne und Leid habe… 🙁 Mir geht es auch immer so, da ich nach meinem ersten abgeschlossenen Studium etwas ganz anderes jetzt studiere und das versteht irgendwie keiner, warum ich das mache! Das ist doch meine Sache, oder? Aber andere wissen es immer für einen besser 😉
    Achja…dieser Konkurrenzkampf in unserer heutigen Gesellschaft ist so stark und wird glaub ich immer schlimmer 🙁

    Liebe Grüße,
    Julia

    Littlest Fashion Show

  3. Orrr ich kann dich so gut verstehen! Ich verstehe es auch nicht, was es diesen Leuten bringt sich zu vergleichen. juhu, dein Studium ist besser – so what? Solange ich glücklich bin mit dem, was ich mache und klar komme ist doch alles in Ordnung?
    ich könnte hier wohl eine ganze A4 Seite kommentieren…hm vielleicht mach ich selber nochmal einen mecker-post um alles loszuwerden, was mir dazu gerade im kopf rumspukt 😀

    Schönen Sonntag dir!

  4. Bleib bei dir und gehe deinen Weg !!! Ich bin sicher, du machst das super. Es wird immer Leute geben, denen man es nicht Recht machen kann. Leider.

    Sei glücklich und sei ganz dich selbst 😉

    Love Minnja – minnja.de

  5. Ich finde es richtig, das man das macht, was man mag.
    Medizin wäre auch für mich niemals etwas gewesen.
    Teilweise weiß ich auch noch nicht, was ich später mit meinem Studium machen will, aber es macht mir viel Spaß und ich liebe das, was ich tue und deshalb bin ich da richtig 😀
    – Studiere übrigens Kommunikationsdesign, wie Musik ja eher künstlerisch 🙂
    Bleib bei dem, was du liebst, das ist das Richtige 😉
    Liebe Grüße
    Ruth

  6. Also so eine Unterhaltung kann man sogar noch schlimmer führen. Ich kenne das nämlich nur zu gut. 😉 Ich hatte damals einen ziemlich guten Abiturschnitt und während meine besten Freunde sich für Studiengänge wie Jura oder Medizin entschieden haben, wollte ich mich selbständig machen. Mit der Fotografie…
    Du kannst dir sicherlich vorstellen was ich mir die nächsten zwei, drei Jahre alles anhören musste… Da war ich definitiv der klare Verlierer (aus deren Sicht) bei solchen “Kämpfen”.
    Heute sieht die Sache zum Glück anders aus.
    Aber die Zeit hat mich ganz schön genervt…

  7. Also, allein der erste Satz trifft schon ins schwarze 😉 Das kenne ich nur zu gut, dieses vorgegaukelte Interesse. Ist aber echt witzig, die Reaktion zu sehen, wenn sie merken, dass sie nicht als “Gewinner” aus diesem Dialog hervor gehen.

    Schadenfreude ist zwar gemein, aber was soll’s, in so einem Fall mehr als angebracht.

    GLG, Tina

  8. Ich kann dich nur zu gut verstehen: Diese ständigen Vergleiche nerven wirklich sehr. Oft hat man das Gefühl, sich für das, was man tut, rechtfertigen zu müssen. Da hilft nur, nichts auf die Meinung der anderen zu geben und ganz darauf zu vertrauen, dass man selbst am besten weiß, was richtig für einen ist. 🙂 Übrigens: eine sehr schöne Jacke, die du auf den Fotos trägst!
    Liebe Grüße
    Leonie
    Follow The Daisies

  9. Du sprichst mir hier wirklich aus der Seele, ich selbst hatte letztens einen ganz ähnlichen Moment, zumindest in der Hinsicht, dass ich mir die Frage “Und wie geht es dir so?” am liebsten verkniffen hätte, einfach weil ich wusste, worauf es hinaus läuft! Aber aus Höflichkeit gestellt habe und mich am Ende nur geärgert habe.
    Mich fragen die meisten nicht, weil sie wissen, dass ich ein recht solides Studium absolviert habe und das mit dem Job ganz gut läuft…Aber wenn es mal um das Thema “Blog” geht, dann bekomme ich immer wieder diese Fragen…Und warum machst du das? Und was bringt dir das? Und kann man damit Geld verdienen? Irgendwie habe ich immer das Gefühl, mich hierzu erklären zu müssen und hießen gemessen zu werden.Deswegen umgehe ich dieses Thema sehr gerne!
    Liebe Grüße
    http://www.champagne-attitude.com

  10. ich finde es ist sehr wichtig, das man seinen job liebt und wenn man es liebt als arzt tätig zu sein, dann super, wenn man die musik liebt dann ist das auch super. alles hat einen sinn und es ist so wichtig, dass wir alle verschieden sind und jeder seinen kleinen teil zum ganzen dazu gibt 🙂
    liebe grüße!

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