Kolumne

Kunstfiguren

IMG_4354Was haben Lady Gaga, Farin Urlaub und Cro gemeinsam? Bei allen dreien handelt es sich streng genommen um Erfindungen, welche nur dann existieren, wenn ihr Erfinder dies wünscht und in deren Rolle schlüpft. Gerade in der Musikbranche tauchen immer wieder Künstler auf, hinter denen eine Privatperson steckt und über die die Öffentlichkeit mal mehr und mal weniger erfährt.

Der wohl größte Vorteil einer Kunstfigur besteht darin, dass diese die Privatperson, die hinter ihr steckt, schützt. Es ist ein bisschen wie im Karneval: man kostümiert sich – mal mehr, mal weniger – und verhält sich seiner Kostümierung entsprechend. Was man in diesem Moment sagt oder tut ist daher nicht zwangsläufig auch das, was man auch ohne Verkleidung sagen oder tun würde. So ist es beispielsweise sehr unwahrscheinlich, dass Lady Gaga auch privat Fleischkleider und Co trägt. Die Privatperson verschwindet so hinter der Kunstfigur und ist aus diesem Grund automatisch besser geschützt. Vor allem im Bezug auf die Privatsphäre.

Das bedeutet jedoch gleichzeitig auch, dass man sich nie völlig sicher sein kann wer tatsächlich hinter der Kunstfigur steckt. Bei der Person, die ich beim Konzert auf der Bühne oder bei Interviews auf dem Bildschirm sehe handelt es sich auch nicht um Jan Vetter, sondern um dessen Kunstfigur Farin Urlaub. Das ist etwas, das mir stets bewusst ist. Auch wenn ich es interessant finden würde die Person hinter Cro einmal kennenzulernen kann ich es verstehen, dass diese sich eine Kunstfigur geschaffen hat. Gerade in der heutigen Zeit haben Stars hohe Ansprüche zu erfüllen: sie müssen besonders sein – etwas haben, das andere nicht haben. Vorbild sein. Eine Figur, welche aus der eigenen Phantasie entsteht, kann diese Erwartungen gut erfüllen. Die Privatperson dahinter kann hingegen so bleiben wie sie ist.

13 thoughts on “Kunstfiguren”

  1. Sehr interessant: ich glaube zudem, dass ein Projekt Kunstfigur etwas versucht, was normalerweise in Zeiten der Massenproduktion gerade nicht mehr gelingt, nämlich eine Aura herzustellen. Die Kunstfigur jedoch umgibt plötzliche wieder eine Aura, und zwar die des Mystriösen.

  2. Du schreibst wirklich wahre Worte!
    Ich finde die Maskenaktion von Cro auch sehr schlau, so könnte er später problemlos z.B. in einer Versicherung arbeiten ohne dass er erkannt würde!
    Lg Allie

  3. Das ist etwas worüber ich noch nie nachgedacht habe, was aber, wie du es schreibst, wirklich interessant klingt! Ich finde es gut, dass du es so auf den Punkt gebracht hast, diesen Unterschied dieser zwei Personen, der einem gar nicht so bewusst wird!

  4. Versteh ich nicht, wie man über so etwas noch nie nachgedacht haben kann. Es muss doch klar sein, dass Cro in seiner Freizeit eben nicht mit dieser Maske aufm Kopp herumläuft. Ebenso wie die Aliens von Slipknot. Bei Farin U. und Lady G. ist es ja wieder etwas anderes – klar sind es Kunstfiguren, aber sie bemühen sich nicht, sich unkenntlich zu machen. Im Grunde sind ja alle Stars und Sternchen Kunstfiguren. Denn woher sollen wir wissen, wie sie sich bei Familie und Freunden geben? Die Jungs von Rammstein kommen auf der Bühne richtig schön böse daher – im wahren Leben sollen sie total nett sein. Hab ich jedenfalls gehört…

    PS. http://www.nochsoeinmusikblog.de.vu

  5. Ich denke auch das zwischen “Kunstfigut” bzw. dem Künstlernamen und maskentragenden Künstlern unterschieden werden sollte. Das Musiker auf der Bühne eine Show machen müssen und das es heutzutage quasi dazu gehört sich selbst zu inszenieren ist denke ich jedem bewußt.
    Zur Vorbildfunktion von Musikern (die wird meiner Meinung nach etwas von den Medien übertrieben) zitire ich mal Kraftklub: “Meiner Meinung nach können sich alle Bands verantwortungsvoll in Interviews geben, meine Vorbilder werden sie eh nicht.”

  6. Naja geht, also ich finde die Grenzen zwischen Künstlername und Kunstfigur sind fließend. Die Kunstfigur wird ja um den Namen inszeniert ob jetzt mit Maske oder nicht. Finde ich total egal
    Dass prinzipiell alles auf einer Bühne inszeniert ist, weiß zwar streng genommen jeder aber man vergisst es doch zu gern. Irgendwo ja auch traurig zu wissen dass alles nur “gespielt” ist.

  7. Es gibt zwei Sorten von im Musikbusiness tätigen Menschen: Musiker_innen, also echte Künstler_innen, und Interpreten, also Menschen, die eine Rolle ausführen. Mit Schutz vor Privatperson o.ä. hat das wenig zu tun, es geht hier um ein durch und durch geplantes Image, reinstes Marketing, Produkte ohne erkennbaren Tiefgang. Meines Erachtens verursachen die Kunstfiguren viel mehr Neugier auf das dahinter (Kiss, Sido, …) und sind somit immer mit einem Thema mehr in den Medien zugegen als manch “normale_r” Künstler_in.

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