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Karriere um jeden Preis?

IMG_5394Ich war 6 Jahre alt und im Kinderchor schon gefühlt bei den alten Hasen, als meine Mutter mich fragte ob ich denn zusätzlich zum Singen auch ein Instrument erlernen wollen würde. Diese Frage war noch leicht zu beantworten: Das Singen machte Spaß. Mit einem Instrument würde das wohl ähnlich sein. Schwieriger zu beantworten war jedoch die Frage welches Instrument es denn sein sollte. Ich entschied mich für das anscheinend beliebteste Instrument: Blockflöte! Wahrscheinlich noch immer das Einsteigerinstrument schlechthin. Es werden sich wohl Viele daran erinnern können wie sie als Kind an Weihnachten vorm Tannenbaum standen und mit viel zu viel Luft eine mehr oder weniger erkennbare Version der Weihnachtsklassiker zum besten gegeben haben. Ebenfalls relativ groß wird wohl die Erleichterung darüber sein, dass die Blockflöte in der Regel nur ein recht kurzer Lebensabschnittsgefährte war.
Bei mir blieb das Instrument tatsächlich stolze 10 Jahre. Mittlerweile kann ich fast jede Blockflöte von klein bis groß spielen – und ich war gut darin: Ich habe allein und in Ensembles verschiedenster Art gespielt, an Wettbewerben teilgenommen,…
Dann wurde ich 16 und musste feststellen: Das ist nicht mein Instrument. Ich bin sehr dankbar Eltern zu haben, die den darauf folgenden Entschluss die Flöte Flöte sein zu lassen und Gitarre zu lernen, vollkommen unterstützt und mich nicht zu weiteren Wettbewerben,… gedrängt haben. Das hat mir die Freude am Musikmachen erhalten. Denn auch wenn aus mir bestimmt keine herausragende Profigitarristin oder Pianistin mehr wird, weil ich viel zu spät angefangen habe: Ich habe Freude an dem was ich tue und ich tue es aus Überzeugung. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Einfach mit dem zufrieden zu sein was man gerade tut (unabhängig davon was andere dazu sagen) kommt in unserer sehr leistungsorientierten Gesellschaft häufig zu kurz.
Daher finde ich es furchtbar wenn ich sehe wie ehrgeizige Eltern ihre Kinder schon sehr früh zu professionellen Leistungen treiben und ihnen einen Terminplan aufhalsen, der eher typisch für Topmanager ist. Profimusiker zu werden erfordert in der Regel einen frühen Beginn – gerade bei Geige und Klavier ist das besonders zu beobachten: Wer sich hier einen Namen machen möchte, muss früh anfangen und hart arbeiten. Im Sport ist es ähnlich. Trotzdem gilt: Früher Unterricht ist ok, solange man es nicht übertreibt und das Kind selbst Spaß daran hat. Ich bin sehr dankbar, dass meine Eltern das berücksichtigt und meine Kindheit nicht kaputtgemacht haben. Schließlich ist die nicht mehr zurückzuholen.

6 thoughts on “Karriere um jeden Preis?

  1. Wie recht du nur hast! Einige Eltern konnten ihren eigenen Traum nicht verwirklichen und lassen das nun an ihren Kindern aus… was sie damit anrichten ist ihnen wahrscheinlich gar nicht bewusst, weil sie es ja nur gut meinen…
    Glücklicherweise haben meine Eltern mir hobbytechnisch auch relativ freie Hand gelassen (beim Wunsch Schlagzeug zu spielen intervenierten sie dann doch, zum Glück 😀 ) Ein Kind MUSS sich einfach ausprobieren um herauszufinden, was ihm liegt und woran es Spaß hat!
    Toller und treffender Artikel!

  2. Jep! Da bin ich voll und ganz deiner Meinung und bin von beiden Seiten her froh, dass bei mir nicht alles falsch gelaufen ist.
    Obwohl ich mit Olli Bierhoff in der Schule und mit Jens Lehmann in der Mannschaft Fußball gespielt habe, haben meine Eltern mich nie gedrängt noch mehr zu tun und Profi zu werden. War auch nie meine Absicht.
    Später habe ich auch nie meine Kinder zu irgendetwas gedrängt. Der Sohn ist musisch begabt, die Tochter eher sportlich. Beides für mich kein Grund, sie zu irgendetwas zu drängen um Höchstleistungen zu erbringen.
    Deine Schlußfolgerung ist in meinen Augen absolut korrekt!
    Klasse geschrieben … macht Spaß, bei dir zu lesen!

  3. 😀 Also mein Exfreund hat im betrunkenen Zustand immer mal wieder gerne zur Blockflöte gegriffen und war der Meinung, dass er das gerade dann extrem gut kann… konnte er nicht! :-DDD Lustig wars trotzdem immer wieder 🙂
    Und ja auch ich hab vor dem Tannenbaum gestanden… es gibt schrecklicherweise sogar noch Fotos davon. Aber um aufs eigentliche Thema zu kommen… meine eltern fanden es immer schade, dass ich nie ein Instrument lernen wollte, also so bewusst. Mittlerweile seh ich das auch so, weil ich unglaublich gerne Gitarre spielen würde, aber man dann eben auch Zeit brauch, wenn man das in dem alter noch lernen will. Schlagzeug find ich mittlerweile auch ganz toll, weil mein Dad das schon seit seiner Jugend macht und wir ein richtig geiles im Keller stehen haben von ihm. Aber wenn man als Kind von den eltern schon dazu genötigt wird, dann find ich das ganz furchtbar. Unterstützen ist eines, aber ich hab auch schon viel andres erlebt! Und gerade wenn ich kleine 6-jährige Chinesen am weissen Flügel seh… dann frag ich mich auch immer wieder, macht es das Kind weil es das will (was ja in ganz ganz geringen Fällen vllt wirklich der Fall sein mag) oder wollen es die Eltern… bzw selbst wenn es ein Kind von sich aus macht, di Eltern aber merken, was es für ein Talent besitzt… wird es dann eben doch früher oder später Opfer des elterlichen ehrgeizes? Man kann es wirklich nur jedem Kind wünschen, dass es Eltern hat, die mit so etwas menschlich umgehn!

  4. Tja, bei mir war es die Ukulele, bis ein Umzug anstand.
    Deine Beschreibung/Bewertung sehe ich ähnlich – solange es Kindern Spaß und Freude macht ist es ok – wehe die Eltern wollen es mehr als das Kind…

  5. Toller Text und ein sehr schönes Foto dazu! Ich sehe die ganze Sache ähnlich wie Du und hatte auch das Glück, dass meine Eltern mich viele Instrumente und Sportarten ausprobieren ließen – was jedoch dazu führte, dass ich nun alles ein bisschen, aber nichts so richtig toll kann 😉 Liebe Grüße, KK

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