Kolumne, Lifestyle

It’s never too late for Rock’n’Roll

8:25 Uhr: Ich schlage die Autotür zu und hetze die Stufen der Uni hoch, um noch gerade rechtzeitig zum vereinbarten Termin da zu sein. Eigentlich sollte ich mich langsam an das frühe Aufstehen gewöhnt haben, aber gerade nach einem freien Tag oder nach dem Wochenende fällt es mir dann doch immer mal wieder schwer, rechtzeitig (früh) ins Bett zu gehen, um frisch und ausgeruht in den Tag zu starten.
Als ich die Tür öffne und den Seminarraum betrete, stelle ich fest, dass ich mal wieder die einzige bin, die ein wenig spät dran ist. Alle anderen sind schon etwas länger hier, vor allem eine, die einen großen Berg Bücher vor sich liegen hat. Es ist eine junge Chinesin, die hier ein Auslandssemester macht, um für ihre Doktorarbeit zu forschen. Ein unheimlich sympathisches Mädchen, deren unglaublicher Fleiß bei mir schon häufig das schlechte Gewissen geweckt hat. Denn seit ich sie kenne, verbringt sie nicht nur jeden Tag in der Bibliothek – sie ist dort auch noch die erste, die kommt und die letzte, die geht. Ihre Abende und das Wochenende opfert sie für einen Deutschkurs – ein Arbeitspensum, vor dem man nur den Hut ziehen kann.
 
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Ihre Eltern haben viel Geld investiert, um sie auf ihrem Weg zu unterstützen- ein Studium (vor allem wenn man noch den einen oder anderen Auslandsaufenthalt einplant) hat eben auch seinen Preis. Für ihre Eltern gleich den doppelten, denn sie hat noch eine jüngere Schwester, die die gleichen Möglichkeiten haben soll. Ihre Eltern haben viel für die Karriere ihrer Kinder geopfert – viel gearbeitet, viel Geld investiert und sicherlich mehr als einmal für die Ausbildung ihrer Töchter auf eigene Wünsche verzichtet. Gute Leistungen sind ihre Art, etwas davon zurückzugeben sagt sie.
Ich kann sie da sehr gut verstehen, weil ich mich ähnlich verhalte. Meine Uniabschlüsse sind nicht nur meiner eigenen Leistung, sondern auch der Unterstützung, die ich durch meine Eltern und Großeltern erhalten habe, zu verdanken. Nicht nur, was Klavier-, Gesangsunterricht und Co (und das ist wirklich nicht billig) betrifft, hatte ich stets die volle Unterstützung meiner Familie. Ich habe zwar auch neben dem Studium gearbeitet, aber: Wer neben dem Studium arbeiten muss, hat genau diese Zeit nicht, um sich um seinen Unikram zu kümmern (wer in Regelstudienzeit fertig werden will/muss, sollte das aber tun). Meine Eltern und Großeltern wussten das – und haben mich immer bedingungslos unterstützt. Ich brauchte ein E-Piano, um für die Aufnahmeprüfung zu üben? Kein Problem. Eine Gitarre? In Ordnung. Das Auto, um die Instrumente und Co nicht schleppen zu müssen? Gut. Dafür bin extrem dankbar und möchte auch etwas zurückgeben. Also habe auch ich schon so manches Wochenende in der Bibliothek zugebracht und gelernt, um so schnell wie möglich mit dem Studium fertig zu werden.
 
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Aber neben der vielen Arbeit und Zeit, die ich in mein Studium investiert habe, bin ich froh, auch die anderen Aspekte eines Studiums bestens miterlebt zu haben – wie z.B. Studentenpartys, spontane Urlaube, Kneipenbesuche, durchzechte Nächte (nach denen man doch um 8 – jedenfalls physisch – wieder in der Vorlesung anwesend war), etc. An solchen Abenden sind nicht nur einige Freundschaften, sondern auch Geschichten entstanden, an die ich mich gerne erinnere.
Arbeit ist das halbe Leben heißt es – und da ist etwas Wahres dran. Seit ich denken kann, habe ich auch immer erst bestmöglich die anstehende Arbeit zu erledigen versucht und so meinen Eltern und Großeltern für ihre Unterstützung zu danken – ihnen zu zeigen, dass ich diese zu schätzen weiß und dass sie sich gelohnt hat. Aber gleichzeitig habe ich immer versucht nebenbei auch möglichst viel vom Leben mitzunehmen. Denn, wenn Arbeit das halbe Leben ist, dann bleibt ja immer noch die andere Hälfte übrig. Und da sollte, um es auf kölsch zu sagen, jet Spaß un Freud auf jeden Fall auch mit dabei sein, weshalb wir unsere chinesische Freundin kurzerhand dazu überredet haben, die Arbeit auch einmal Arbeit sein zu lassen und mit uns ein bisschen Karneval zu feiern. Das auch einmal kennenzulernen, gehört für uns auf jeden Fall auch zu einem gelungenen Aufenthalt in Deutschland dazu. Wir sind schon sehr gespannt, wie es ihr gefällt und freuen uns schon.
In diesem Sinne: Allen, die es feiern, einen schönen Rosenmontag.
 
Ein besonderer Dank für die Fotos geht mal wieder an Jonas.

10 thoughts on “It’s never too late for Rock’n’Roll

  1. das hast Du alles sehr schön beschrieben und es ist wieder, wie immer gut zu lesen.

    Und ja – das Leben hat viele Facetten und Danke, dass Du uns an einigen teilhaben lässt…

    Rosenmontag? Bitte nicht wegfliegen 🙂

    GLG

    Maccabros

  2. Ich hab leider nur Samstag ein bisschen auf der Faschingssitzung in der Heimat gefeiert, danach musste ich wieder nach Hamburg fahren, aber gut. Man kann ja nicht alles haben, nech? 🙂 Dafür arbeite ich ab Montag in einer anderen Firma – endlich eine volle Stelle – und der Rest läuft auch gerade super. Kann mich gar nicht beklagen. Arbeit muss halt sein, aber der Spaß sollte auch nicht zu kurz kommen. Sonst macht das ja alles keinen Sinn 🙂
    Tolle Bilder, meine Liebe!! ♥

  3. Ich finde das Leben neben der Arbeit unheimlich wichtig, ich glaube fast schon ein wenig zu wichtig – ups.
    Aber ich habe das Gefühl, wenn ich jetzt nur noch lernen und schlafen würde, würde ich eingehen. Dennoch ist mir natürlich bewusst, dass nicht alles immer easy ist und man sich auch mal auf den Po setzen und etwas machen muss.
    Mit der Unterstützung ist das bei mir genauso, meine Eltern tun dies wo sie nur können und ich mit unendlich dankbar. Manchmal habe ich aber ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht ganz so gut bin oder wenn ich daran denken, dass ich das Studium nicht in Regelstudienzeit schaffe.
    Meine Mum meint dann immer, dass ich mir keine Sorgen machen soll aber hey, so einfach kann ich das nicht abstellen 🙂

    PS Schöne Fotos! Jonas hat’s drauf!

    Liebste Grüße!

  4. Ich finde es total interessant hier über das (dein) Studentenleben zu lesen. Mich betrifft das momentan zwar noch nicht, aber das kommt schneller als man denkt.
    Wirklich wunderschöne Fotos.
    Liebe Grüße
    xxMaj-Britt

  5. Du hast es total auf den Punkt gebracht. Ich habe gerade das 1. Semester fertig und kann also so ungefähr nachvollziehen wovon du redest 🙂 Klar möchte man gute Noten haben und in der Regelstudienzeit fertig werden, aber zum Studentenleben gehören eben auch Partys und co. Man möchte nichts verpassen und ist immer hin und her gerissen 🙂

    Liebe Grüße
    Sarah

  6. Ich finde es kommt wirklich auf die Mischung an. Ich war auch schon immer sehr ehrgeizig und fleißig. Allerdings möchte ich auch ein bisschen Spaß im Leben haben.
    Grad beim Abi hat sich das wirklich gezeigt. Eine Freundin von mir hatte die letzten zwei Jahre vor den Prüfungen wirklich kein Leben. Sie hat rund um die Uhr gelernt.
    Ich habe auch viel getan, aber eben auch mal freie Zeit so richtig genossen. Letztlich hatten wir beide tolle Abischnitte, aber uns trennten nur 0,1.
    Da hab ich doch lieber auch ein bisschen Spaß gehabt. 😉

  7. Juhuuu ich bin auch endlich mal wieder da! Abgesehen davon, dass mir die Bilder und diese Weste super gefallen ist auch der Text mal wieder sehr schön geschrieben! Ich finde eine richtige Mischung macht das Leben doch irgendwie schon ein wenig perfekt. Also in gewissem Sinn. Ich mein gut es gibt Menschen, die mit Feiern nichts anfangen können und umgekehrt, aber ich find wenn man die Balance zwischen Ehrgeiz und “Fallen lassen” schafft, dann ist man ausgeglichen und fühlt sich gut. Man erlebt viel und schafft wie du schon sagst schöne Erinnerungen, gleichzeitig kann man auch wieder stolz sein auf das was man geleistet hat. Gerade auch wenn man so wichtigen Menschen, die einem das ermöglicht haben, auch etwas zurückgibt. Dann fühlt man sich dadurch doppelt gut. Ich war Rosenmontag feiern. Und auch wenn der Umzug abgesagt wurde, weil das Wetter zu schlecht war, hatten wir einen riesen Spaß und es hat wahnsinnig gut getan, weil ich endlich mal wieder den Kopf abschalten konnte.

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