Kolumne

Ich bin Feministin, aber das bedeutet nicht, dass ich Männer hasse

“Oha, da haben Sie aber ordentlich zugeschlagen”, sagt sie grinsend, während sie das große Paket auf den Tresen hebt. Ich grinse. “Schön wäre es – das ist allerdings leider alles nicht für mich”. Ich packe meinen Schlüssel in die Handtasche, um beide Hände frei zu haben und ziehe das Paket vom Tresen. Es ist in etwa so schwer wie eine Kiste Bier, aber deutlich weniger handlich. Offensichtlich verschickt der Verlag so viele Bücher auf einmal nicht sehr oft. Der Karton ist für die Menge Bücher einfach zu weich und instabil. Die perfekten Voraussetzungen, um es durch den strömenden Regen sicher und heil ins Auto zu transportieren.
Hilft ja alles nix denke ich mir und versuche meine Arme möglichst effektiv um den Karton zu schlingen, als ein Mann den Postshop betritt. “Warten Sie, ich helfe Ihnen,” sagt er und nimmt mir das Paket aus der Hand. “Wo soll’s denn hin?” “Oh vielen lieben Dank, ich parke gleich da drüben.”
Als ich meinem Helfer die Tür aufhalte, spüre ich einen abwertenden Blick auf mir. Er stammt von einer Frau in meinem Alter. Sie dreht sich zu der vor ihr in der Schlange wartenden Frau um und sagt leise, aber dennoch laut genug, dass ich es hören kann: “Oh man, wie ich solche Tussis hasse, also ich hätte das allein geschafft. Selbst ist die Frau. Da braucht man sich ja nicht mehr wundern, wenn einem als Frau nichts mehr zugetraut wird.”
Ich überlege kurz, mich dazu zu äußern, entscheide mich aber dagegen, habe ich doch die Erfahrung gemacht, dass manche Diskussionen einfach nichts bringen. Darüber hinaus möchte ich meinen Helfer nicht so lange mit dem Paket im Regen stehen lassen.
 
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Als ich den Zündschlüssel umdrehe, ist mein Ärger über die Äußerung der Frau noch nicht ganz verflogen. Natürlich hätte ich das Paket auch allein in mein Auto bringen können. Es wäre deutlich aufwändiger gewesen, aber ich hätte es geschafft. Ich würde es gleich auch schaffen, es die Stufen bis hoch ins Büro zu tragen, trotz seiner Unhandlichkeit, trotz des Regens und trotz der hohen Schuhe, die ich an diesem Tag trage.
Ich halte mich für eine junge, eigenständige Frau und würde definitiv behaupten, Feministin zu sein. Denn ich bin für die Gleichberechtigung von Frauen. Ich fordere, dass Frauen Respekt entgegengebracht wird. Ich bin dafür, dass eine Frau genau so viel verdienen sollte wie ihre männlichen Kollegen. Ich spreche mich für mehr Frauen in Führungspositionen aus und dafür, dass Hausarbeit (sofern beide Partner berufstätig sind) zu gleichen Teilen von Mann und Frau erledigt werden sollte. Ich bin gegen festgefahrene, typische Rollenbilder und finde es völlig okay, wenn jemand (egal, ob Mann oder Frau) diesen so gar nicht entsprechen möchte.
Aber bedeutet das wirklich, dass ich die Hilfe des Mannes hätte ablehnen sollen, um zu zeigen, dass ich nicht das kleine, hilflose Mädchen bin, das das große Paket nicht allein tragen kann? Definitiv nicht.

Für die Gleichberechtigung von Frauen zu sein bedeutet nicht, dass ich Männer hassen muss oder mir von ihnen nicht helfen lassen darf

Ich freue mich, wenn jemand mir hilft, schwere oder unhandliche Dinge zu tragen und ich freue mich, wenn mir jemand die Tür aufhält oder mir hilft meine Sachen einzusammeln, wenn mir meine Tasche runtergefallen ist.
In meinen Augen ist das keine Geringschätzung meiner Person oder der Beweis dafür, dass der andere mich als kleines, schwaches und unselbstständiges Mädchen betrachtet. Für mich ist so ein Verhalten menschlich und ein Zeichen von Respekt. Es ist schlicht aufmerksam darauf zu achten, anderen Menschen zu helfen, wenn man diese Hilfe leisten kann und sieht, dass das Gegenüber sie brauchen könnte. Egal ob Mann oder Frau.
Vielmehr finde ich es respektlos wenn ich beispielsweise sehe, dass eine Frau mit Kinderwagen und vielen Einkäufen diese die Treppen zum Bahnhof umständlich runtertragen muss und alle einfach vorbeilaufen. Der Mann, der in solchen Situationen so aufmerksam ist und einfach kurz mit anpackt, statt die Frau sich selbst zu überlassen, gehört nicht für seine Hilfsbereitschaft angefeindet und darauf hingewiesen, dass frau schon irgendwie alleine klarkommt. Genau so wenig wie sich eine Frau schwach fühlen und dafür schämen muss, Hilfe zu bekommen.

7 thoughts on “Ich bin Feministin, aber das bedeutet nicht, dass ich Männer hasse”

  1. Da kann ich dir wirklich nur recht geben! Wir sollten uns lieber darüber freuen, dass es noch so freundliche Menschen gibt, die uns helfen. 🙂

  2. Hallo Tina,

    dein Beitrag gefällt mir sehr gut und du hast natürlich absolut Recht. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, dass es noch hilfsbereite Menschen gibt und es ist egal, ob diese männlich oder weiblich sind.

    viele liebe Grüße
    Rebecca

  3. Ich bin voll & ganz deiner Meinung. Ich dagegen lasse auf Arbeite alle schweren Kisten oder Körbe immer von meinen Männlichen Kollegen tragen. Zur Info kurz, ich arbeite in der Lebensmittelindustrie & da kann schon einmal ein Korb mit den Lebensmitteln die wir herstellen 20kg wiegen & wenn man das den ganzen Tag hebt wird man ja verrückt. Und wenn die Männer sehen wie ich mich abquäle dann helfen sie mir auch immer sofort. Abr bei uns auf Arbeit gibt es zum Glück keine solchen Sprüchen weil jede Frau bei uns glücklich ist wenn ein Mann bei schwierigeren Aufgaben hilft!

    Sophie♥

  4. Ich finde deine Texte einfach unglaublich toll. Die sind super zu lesen und bieten echt einen Mehrwert. Solche Blogs findet man wirklich selten und darum freue ich mich, dass ich auf deinen Blog gestoßen bin. Ich habe dich natürlich sofort abonniert und bin gespannt, was noch so alles kommen wird.

    Zum Thema: Das war wirklich eine dumme Ziege in der Schlange. Ich finde auch, dass so ein Verhalten von dem Mann nur hilfsbereit und respektvoll ist. Nur weil Frauen die gleichen Rechte haben sollen, wie Männer, heißt das noch lange nicht, dass man sich nicht gegenseitig helfen und Hilfe von Männern in Anspruch nehmen kann. Immerhin war das eine nette Geste von dem Mann und keine Abwertung.

    Das Thema wird wohl ein für alle mal schwierig bleiben, was ich sehr schade finde. Ich habe übrigens auch einen interessanten Artikel von Andrea von andysparkles zu dem Thema gelesen.

    Liebste Grüße
    Lisa

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