Kolumne, Musikwelt

Geheimmusik im Untergrund – Heavy Metal? Unerwünscht!

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Er ist mitte 20, trägt ein Megadeth-Shirt, schwarze Jeans und zeigt mit einem stolzen und zufriedenen Lächeln seine lange, schwarze Haarpracht. Es sind gepflegte, dicke und glänzende Haare, die er dem Kamerateam präsentiert. Haare, um die ihn wohl so manche Frau beneiden wird.
Er lächelt, wirkt zufrieden mit sich und seinem Leben. Doch bei seinen Worten läuft mir ein Schauer über den Rücken. Er erzählt etwas aus seiner Vergangenheit und seine Miene wird ernst. Er ist im Irak aufgewachsen, dort zur Schule gegangen. Eine Zeit, an die er sich sehr genau erinnert.
Gitarre hat er schon immer gern gespielt – vor allem schnelle, laute Metalriffs. Am liebsten in einer Band, zusammen mit seinen Freunden.
Nur leider ist das, was in Deutschland selbstverständlich ist, im Irak gefährlich. Metalfans (vor allem mit langen Haaren) sind hier – diplomatisch formuliert – unerwünscht, erzählt er. Proben kann er deshalb mit seiner Band nur im Untergrund. Alles muss geheim bleiben. Unentdeckt.
Lange Haare wollte er schon damals haben, erzählt er. Allerdings hat er sich damals nicht getraut seine Haare einfach wachsen zu lassen. Schließlich hatten sie seinen Kumpel damals auf der Straße angegriffen und gefoltert.
Männer dürfen keine langen Haare haben, haben sie gesagt.
 
Wirklich frei fühle er sich erst, seit er in Deutschland lebt, erzählt er. Er fühlt sich wohl hier. Hat direkt Anschluss gefunden. Sein Hobby kann er hier frei ausleben. In einer Metalband Gitarre spielen und sogar auftreten? Kein Problem. Lange Haare? Kein Thema. Sogar für Konzerte darf er nach Lust und Laune Karten kaufen – alles kein Problem. An dieser Stelle des Interviews lächelt er wieder und zeigt stolz ein paar Fotos von sich und seinen Freunden beim letzten Metalkonzert.
Einfach fröhlich sein und seinem Hobby nachgehen dürfen – das bedeutet Freiheit für ihn.
 
Der Text beschreibt die Handlung eines kurzen Portraits, das ich in der letzten Woche gesehen habe. An diesem Tag wurden mehrere Filme gezeigt, aber dieser gehörte zu den Filmen, die mir in Erinnerung geblieben sind.
Wir befinden uns im 21. Jahrhundert – und noch immer gibt es Länder, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Länder, in denen junge Männer, die niemandem etwas getan haben, gefoltert werden, weil sie Musik machen und lange Haare tragen.
An dieser Stelle wurde mir wieder sehr deutlich, wie gut wir es hier eigentlich haben: Ich kann die Musik machen, die mir gefällt – ohne fürchte zu müssen deswegen nachts auf der Straße angegriffen zu werden. Ich kann mich kleiden und meine Haare tragen wie es mir gefällt – ohne dafür gefoltert zu werden. Und natürlich kaufe ich auch Tickets für Veranstaltungen, die mir gefallen – ganz offen und unkompliziert.
Was für mich so selbstverständlich ist, ist für ihn eine unheimliche Sensation gewesen. Und das zeigt mir: Ich kann dankbar sein! Verdammt dankbar für die Freiheit, die ich genieße!
In unserem Alltag beschweren wir und gerne über viele Dinge: Der Bus kommt zu spät, die Wunschjeans gab es nicht mehr in meiner Größe, der Kaffee war viel zu heiß, es regnet heute,…Ja, Regen nervt, aber im Vergleich zu den Problemen und Lebensumständen anderer Menschen ist das doch wirklich Pillepalle! Das sollten wir uns wirklich öfters mal bewusst machen und einfach einmal dankbar sein und die Klappe halten!
 
Für alle, die sich für das Thema interessieren, habe ich hier einen Film. Es ist nicht das Portrait, das ich gesehen habe, aber eine umfangreiche Dokumentation des Vice-Magazins über das Leben einer Metalband im Irak:

 
Das Foto ist wieder einmal von Marina Lang.

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