Kolumne

Expertise vs. Kindheit

Einer meiner guten Vorsätze für das neue Jahr beinhaltet auch mehr zu üben, um mich musikalisch zu verbessern. Dies brachte mich dazu mich ein wenig näher mit der Thematik des Übens zu beschäftigen.

Ein Blick auf verschiedene Idealvorstellungen vom Üben brachte mich zum nachdenken.

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Ein Teil meines musikalischen Lebens

An dieser Stelle ist es an der Zeit zu gestehen, dass ich nicht unbedingt die „klassische Musikkarriere“ durchlaufen habe.

Zwar singe ich seit meinem 4. Lebensjahr, habe allerdings erst mit 18 Gesangsunterricht bekommen. Zudem habe auch ich als Kind im Alter von 5 Jahren mit der obligatorischen Blockflöte begonnen (Hierbei sei allerdings angemerkt, dass ich mir das damals selbst ausgesucht habe – mir fiel leider in dem Moment, in dem mich meine Mutter fragte welches Instrument ich denn erlernen wollte, leider nichts besseres ein als das Ding).

Ich fing also an Blockflöte zu spielen und das satte 10 Jahre lang mit allem was dazugehört – und auch mit Erfolg: Konzerte, Wettbewerbe,… – bis mir das Ding absolut zum Hals raushing.

Kurz gesagt: ich habe daraufhin die Flöte in den Schrank gepackt, angefangen Gitarre zu lernen und im Musicalensemble der örtlichen Musikschule mitzusingen. Für meine Eltern war das absolut okay. Aber auch für meine musikalische „Karriere“?

Der frühe Beginn

Je früher man anfängt etwas zu tun, desto besser kann man werden. Das ist nicht nur in der Musik so. Auch z.B. für viele Sportarten ist ein früher Trainingsbeginn absolut notwendig, um später vorne mitspielen zu können. Um auch beruflich erfolgreich sein zu können, empfiehlt die Forschung einen Beginn mit spätestens 5 Jahren. Wer später anfängt, riskiert bestimmte „Lücken“, die nicht mehr oder nur kaum aufgeholt werden können.

Nimmt man mich als Beispiel, so habe ich zwar laut Forschung alles richtig gemacht, indem ich bereits mit 5 angefangen habe ein Instrument zu spielen, allerdings gleichzeitig auch 10 Jahre später mit der Entscheidung gegen eben dieses Instrument nahezu alle Chancen auf wirklichen Erfolg in diesem Bereich quasi wieder ruiniert.

Übung

„Übung macht den Meister“ – wer kennt diesen Satz nicht? Und natürlich ist da etwas dran. Je mehr und je zielgerichteter man übt, desto besser wird man in dem was man tut. Soweit logisch und empirisch belegt.

Die Forschung geht ebenfalls davon aus, dass eine Übezeit von täglich maximal 4 Stunden nicht überschritten werden kann und darf. Wer länger als 4 Stunden übt, erreicht keine Verbesserung der Fähigkeiten und riskiert zudem ein Burn Out.

Hierzu wäre zu sagen, dass 4 Stunden täglich schon eine enorme Zeitspanne sind. Ein Zeitrahmen den ich – wenn überhaupt – nur sehr selten erreicht habe.

Umso bedenklicher finde ich die Tatsache, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder zu solchen Leistungen nahezu zwingen, um diese immer weiter oben auf dem Treppchen stehen zu sehen.

Aber ist es das wirklich wert?

Ganz bestimmt nicht. Ich persönlich bin meinen Eltern mehr als dankbar, dass ich nie zu etwas gezwungen wurde. Die einzige Bedingung, die an mich gestellt wurde war die, dass ich das auch durchziehe. Als sich herausstellte, dass die Blockflöte absolut nicht mein Ding war, durfte ich diese nach der letzten Teilnahme bei Jugend Musiziert an den Nagel hängen und mit Gitarre und Musicalensemble anfangen.

Genau das ist der Grund dafür, dass mir die Freude an der Musik bis heute nicht vergangen ist. Ich gebe zu, dass die von der Forschung prophezeiten Lücken entstanden sind und ich leider nicht zu den Ausnahmen gehöre, die trotz eines späten Beginns Experten in ihrem Metier geworden sind. Musik hat sich zwar als meine Leidenschaft herausgestellt, aber eben nicht mit diesem Instrument. Nur wer hätte das vorher wissen können?

Der Wechsel des Instruments hatte zur Folge, dass ich für das Bestehen der Aufnahmeprüfung sehr hart arbeiten musste (ich habe mich extra für das Studium zum 1. Mal mit Gehörbildung und Tonsatz beschäftigt, sowie Klavier gelernt); allerdings habe ich das aus eigenem Willen und vollster Überzeugung getan, was dazu führte, dass ich nach wie vor mit Spaß an die Sache gehe. Für mich ist das das Wichtigste. Denn was bringt es gut in etwas zu sein, das an sich aber keinen Spaß macht?

Aus diesem Grund wird mir immer ganz schlecht dabei wenn ich sehen muss wie einige Eltern ihre noch viel zu jungen Kinder (egal ob musikalisch, sportlich oder in anderen Bereichen) nahezu ins Rampenlicht prügeln. Meiner Meinung nach handeln sie keinesfalls im Interesse ihrer Kinder, da sie noch gar nicht wissen können, worin genau deren Interesse besteht.

Kinder sollten mehrere Dinge ausprobieren können, um herauszufinden was ihnen wirklich liegt – und darin von ihren Eltern gefördert werden. Vielleicht winkt dann nicht die große Weltkarriere. Sicher ist aber, dass der Spaß an der Sache dieses Risiko mehr als wert ist.

12 thoughts on “Expertise vs. Kindheit

  1. Klar, hast du nicht die totale Musikerkarriere durchlaufen, aber wem ist das heutzutage noch möglich, neben Schule und so weiter, kann mein Mensch wie Mozart oder so sich den ganzen Tag nur mit dem Klavier beschäftigen… Ich wünsche dir viel Glück mit deinem Vorsatz, du schaffst das! 🙂

  2. Sehe ich auch so! Ich finds auch immer furchtbar wenn Eltern anfangen ihre Kinder zu drillen, damit die das erreichen was die nie erreicht haben
    Lg

  3. Eben das ist das Problem Niko… “damit die [Kinder] das erreichen was die [Eltern] nie erreicht haben”. Leider haben manche Eltern einfach nicht die Reflexionsgabe sich das einzugestehen 😉
    Umso glücklicher bin ich, dass meine Eltern mich in solchen Dingen, genauso wie es Tinas Eltern getan haben, immer unterstützt haben 😉 (an Tina: bei mir waren es “nur” 2 Jahre Blockflötenunterricht 😉 )
    Ich habe dank meiner Eltern das Glück gehabt mir meine Instrumente immer selbst aussuchen zu dürfen und hab dadurch den Spaß an der Sache nicht verloren!

    Ein sehr schöner Artikel!!!!

  4. Übung macht den Meister. In der Musik, wie beim Sport. Dass man sich hin und wieder zum Üben quälen muss, das ist halt so. Spätestens nach 20 Minuten ist der Anfangswiderstand der Lust und der Freude am Spiel gewichen.
    Kinder müssen sicher von außen animiert werden. Da hilft es, wenn die Eltern auch an einem Instrument üben, wenn auch in einem benachbarten Zimmer, um den “Dialog” zwischen Musiklehrer und -schüler nicht zu stören.
    Ich habe auch mit Blockflöte angefangen. Dafür hat die Grundschule gesorgt. Später kamen Melodica und Gitarre hinzu.
    Musik machen ist schön und gibt einem viel zurück.
    C.H.

  5. Üben, üben, üben. Dieses Wort habe ich in meiner Kindheit oft genug hören müssen.
    Mit 6 besuchte ich eine Musikschule und hatte das Glück Klavier spielen zu lernen. 7 Jahre lang dauerte der Spaß, bis ich dann schließlich aufhörte, weil mir dieses “zwanghaft klassische Lieder zu üben & spielen” irgendwann keine Lust mehr machte. Um ehrlich zu sein, war ich da auch nicht wirklich in dem Alter, in dem mich diese Musik interessierte. Hätte mir jemand die Noten von zB Musicals oder schönen Liedern vorgelegt, hätte ich vielleicht einen anderen Weg eingeschlagen, aber so.. Ne. Hab mich abgemeldet und das Klavier spielen für einige Jahre vernachlässigt.

    Heute spiele ich wieder und das sehr gerne! Nämlich das, was mir gefällt. Nebenbei spiele ich auch meine eigenen Melodien, “Stücke” und es geht mir leichter von der Hand denn je! Hauptsächlich deswegen, weil es mir auch wieder Spaß macht. Es erfüllt mein Herz mit Freude, könnte man sagen 🙂

    Deswegen kann ich dir nur den Ratschlag geben: Zwinge dich nicht zum üben, sondern übe mit Leichtigkeit. Immer dann, wenn du Lust hast zum spielen. Denn gerade dann, wirst du das geübte einfacher merken & umsetzen können, als wenn du dich dazu zwingst.

    Wünsche dir ein wundervolles Wochenende!
    dannie

  6. Sehr sehr guter Post. Finde es gerade interessant, weil ich das Ganze bei meinem Freund mitbekommen habe. Er spiel auch Gitarre und Klavier und wollte eigentlich Musik studieren, dies hat aber eben aufgrund dieser Lücken (dem zu späten Anfangen) nicht hingehauen. Wenn wir drüber gesprochen haben, war das eigentlich genau das , was du in deinem Eintrag auch schreibst. Ich selbst sehe das genauso. Ich bin im Bereich Grafikdesign seid ich 14 bin tätig und immer dran geblieben und hab schließlich zur Fotografie gewechselt. Es geht um das neu Entdecken, den Spaß und die Leidenschaft und ohne diese Faktoren, kann man meiner Meinung nach, auch keinen ehrlichen Erfolg haben 🙂

  7. Ich finde es richtig gut, wie du das durchgezogen hast bis jetzt fortan 🙂 Ich kann absolut kein Instrument spielen und wenn ich es versuche, ist es eine Katastrophe. Ich hätte mir gewünscht, dass mich meine Eltern dazu, ja schon gezwungen hätten, denn wie gerne würde ich heute zum Beispiel Klavier lernen, aber ich glaube dafür ist’s dann bei mir schon zu spät. Jedenfalls ein toller Blogeintrag und vor allem auch interessant.

    Liebe Grüße
    http://chloechooseschanel.blogspot.de/

  8. Ich find du hast total Recht, dass Kinder sich ausprobieren sollten.
    Ich zum Beispiel war nie musikalisch, Blockflöte etc hab ich gehasst, dafür hab ich immer gern gezeichnet, also durfte ich zur Malschule gehen!
    Schon toll 😀

        1. ich hab damals natürlich mit der Sopranblockflöte angefangen und bin nach und nach auf die anderen umgestiegen (hab das ganze ja etwas mehr als 10 Jahre betrieben) – mit ca. 11 gehen da auch die größeren Flöten absolut
          Da die Grifftabelle bei Alt- und Bass, sowie bei Sopran- und Tenorflöte identisch ist, musste man da ja nur die Finger weiter auseinander machen 😉

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