Kolumne, Lifestyle

Digitale Kommunikation 

Samstag. 12:30 Uhr. Stadt. Eigentlich wären wir jetzt verabredet gewesen, sie und ich – wäre da nicht diese Nachricht via WhatsApp gekommen, in der steht, dass sie es natürlich mal wieder nicht geschafft hat, rechtzeitig loszugehen und sich verspäten wird. “Geh doch schonmal ohne mich los” lautet die Nachricht und weiter “Ich komme dann einfach nach! Tut mir leid”
Ich bin enttäuscht. Es ist ja schließlich nicht das erste Mal, dass ich auf sie warte. Was wäre jetzt eigentlich gewesen, wenn ich kein Handy hätte – würde sie mich dann genau so oft versetzen? Also, wenn sie keine Möglichkeit hätte, 5 Minuten vor dem eigentlichen Termin wenigstens bescheid zu sagen, dass es mal wieder später wird? frage ich mich und beschließe, mich nicht weiter zu ärgern und gehe allein los. Als ich schon fündig geworden bin, ist sie dann auch da. Eine halbe Stunde später als verabredet – völlig abgehetzt: “Oh man tut mir Leid. Aber ich habe dir ja noch eine Nachricht geschickt” ist alles, was ihr als Entschuldigung einfällt. Sie schaut auf meine Einkaufstasche “Oh, du hast schon was gefunden?”
 
_MG_2660k
 
Sonntag. 13:30 Uhr. Café. Wir sitzen gemütlich auf der Terrasse unseres Stammcafés und genießen die Sonnenstrahlen. “Ich glaube, ich muss mal für ein Wochenende ans Meer…” höre ich mich sagen, während sie auf ihr Handy blickt “…einfach mal raus, ein bisschen Sonne tanken…”
“Oh ja – das wäre gut.” sagt sie, als ihr Handy schon zum gefühlt 100. Mal vibriert. Reflexartig greift sie nach ihrem Smartphone und beginnt zu lesen. “Unglaublich! Wie soll ich das denn jetzt bitte wieder verstehen?” höre ich sie mehr zu sich selbst, als zu mir sagen, während sie die gefühlt 100. Nachricht an diesem Nachmittag verschickt. Ich stehe auf, bezahle meinen Kaffee und gehe.
 
Montag. 12:30 Uhr. Uni. Es ist schon der dritte Anruf von ihm an diesem Tag, als ich dazu komme den Hörer abzunehmen. “Na endlich!” höre ich seine Stimme am anderen Ende der Leitung “Ich versuche schon den ganzen Tag dich zu erreichen!” Den Vorwurf, der in seiner Stimme liegt, bemerke ich sofort. Er verliert keine Zeit mit unnötigen Fragen nach meinem Wohlbefinden und kommt direkt zum Punkt: “Ich habe dir schon gestern ein paar Sachen geschickt…schaffst du das noch?…..also am besten noch heute?…Ich meine, ich hab dir ja gestern Abend schon die Mail geschrieben….”
 
_MG_2657k
 
Montag. 20:20 Uhr. Zuhause. Müde, aber dennoch entspannt werfe ich die Yogamatte in die Ecke, als mein Handy vibriert. Eine Nachricht bei Facebook: “Das ist das letzte Mal, dass ihr hier von mir lesen werdet – ich lösche meinen Account hier. Wer mich in Zukunft kontaktieren will, hat ja meine Telefonnummer oder wissen wo ich wohne.” lautet die Nachricht einer Freundin.
Und überraschenderweise komme ich erst jetzt zum ersten Mal auf die Idee, mir an ihr ein Beispiel zu nehmen: Etwas mehr analog, etwas weniger digital, nicht immer erreichbar sein und es auch übel nehmen dürfen wenn jemandem das Telefon wichtiger ist, als ein persönliches Gespräch.

4 thoughts on “Digitale Kommunikation 

  1. Ja, leider ist das echt zu ner kleinen Plage geworden dieses ständige Erreichbarsein, Onlinesein, 24/7Präsentsein. Geht mir in der letzten Zeit auch ziemlich auf die Nerven und macht ganz schön zu schaffen, irgendwie. Ich verstehe genau was du meinst.

  2. Irgendwie schlimm, dass man ständig immer und überall erreichbar ist / sein muss / “will”. Privat und geschäftlich habe ich mit dem Handy immer alles dabei – bin immer für jeden erreichbar – und gehe obendrein in 99 % der Fälle nicht ohne aus dem Haus.
    Das Phänomen mit Freundinnen am Tisch zu sitzen während mindestens eine auf ihr Handy starrt, kenne ich zu gut. Meistens habe ich mir vor solchen Treffen immer vorgenommen das Handy in der Tasche zu lassen und dies auch befolgt! Andere sind da leider nicht so. Total schade, das ein “echtes” Treffen neben dem Handy für viele Menschen wohl kaum Bedeutung hat.
    Kürzlich war ich im Urlaub in den Bergen und habe einfach mal das Handy für 4 Tage ausgeschaltet. Passiert ist nichts, weder hat mich jemand vermisst, noch hat jemand versucht mich in dieser Zeit zu kontaktieren. Leider fällt es mir im Alltag aktuell trotzdem eher noch schwer, das Handy einfach mal abzuschalten. Auf jeden Fall war der handyfreie Urlaub mehr als erholsam! Kann ich nur empfehlen.

  3. Es liest echt irgendwie bitter, aber es steckt auch so viel Wahrheit/Alltag drin. Das mit dem Versetzen kenn ich…würde mich auch interessieren, ob sich Menschen mehr Mühe geben, wenn sie einem nicht kurzfristig Bescheid geben können?
    Und zu der Café-Sache: Ich finde das so unhöflich! Wenn ich mich mit Leuten treffe, ins Café gehe oder so, lege ich immer das Handy weg. Ich finde, wenn ich mich mit jemandem unterhalte, dann brauch ich doch nicht ständig aufs Handy schauen? Versteh’ ich nicht …
    Ansonsten gehöre ich aber auch zu den Leuten die ungefähr nie ihr Handy ausschalten, aber ich habe es immer auf lautlos (außer ich erwarte einen wchtigen Anruf oder Ähnliches), somit geht es mir auch nicht auf den Sack und vibriert oder so 😀

    Schön, dass du wieder bloggst!
    Liebe Grüße!

  4. die Plage ist weniger die ständige Erreichbarkeit, sonder wie wir damit umgehen. Ich finde es mehr als unhöflich, wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der andauernd meint, auf sein Phone zu glotzen, damit er ja nicht irgend einen Schwachsinn verpasst, der auch noch in zwei Stunden gespeichert ist.

    So schön es ist, über Entfernungen mit Menschen kurzfristig in Kontakt zu kommen – es geht nichts über das persönliche Gespräch, das MITeinander…

    gern gelesen

    Deine Bilder? Daumen hoch…!

    LG

    Maccabros

Leave a Reply