Kolumne

Der elende Perfektionismus. Oder: spiel doch mal so richtig beschissen!

IMG_3918Klavierunterricht. Ich befinde mich in der Uni, die den Klavierunterricht bezahlt, für den ich selbst in dieser Form und Regelmäßigkeit kein Geld hätte. Bald wird mein Klavierspiel wieder bewertet – benotet. Das will ich natürlich gut machen. Ich will und muss dann zeigen was ich in der Zwischenzeit dazugelernt habe und möchte meinen Lehrer nicht enttäuschen. Mich selbst nicht enttäuschen. Mich nicht blamieren. Die Unterrichtsstunden vor der Prüfung sind da natürlich wichtig. Viel Arbeit und Üben liegt noch vor mir. Da soll der Unterricht so effektiv wie möglich werden.

Ich beginne also zu spielen – und verspiele mich an einer Stelle, die eigentlich immer klappt. Ich spiele weiter – und verspiele mich wieder. Zuhause klappt das doch immer – warum ausgerechnet jetzt nicht? Ich spiele weiter – und werde unterbrochen. “So funktioniert das nicht” sagt er (oder sowas in der Art). Was jetzt? Ausreden schwirren in meinem Kopf: Ich habe die Nacht vorher schlecht geschlafen, ich muss mich erst einspielen, wenn ich nochmal anfange, klappt es bestimmt schon besser…..

Mein Lehrer sieht mich nur an und sagt: “Denk an das was wir ganz am Anfang gesagt haben: vergiss wo du gerade bist. Spiel das Stück – und zwar so schlecht wie du nur kannst. Spiel einfach mal so richtig beschissen!” Ich fange an zu lachen und spiele das Stück von vorn. Dabei stelle ich mir vor allein zu sein. Allein an diesem Flügel. Fehler sind erlaubt. Niemand hört zu. Niemand bewertet mich. Benotet mich. Ich muss niemandem etwas beweisen. Nicht zeigen was ich gelernt habe. Ich muss einfach nur spielen. Mich auf das Stück konzentrieren. Es funktioniert. Fehlerfrei. Einfach. So muss es sein.

Die Anweisung so beschissen wie möglich zu spielen ist für mich die richtige Herangehensweise. Ich bin in gewissen Dingen ehrgeizig. Setze mich schnell unter Druck. Will mir selbst beweisen, dass ich es kann. Obwohl ich vor dem Studium keinen einzigen Ton auf dem Klavier spielen konnte. Dabei vergesse ich manchmal das Wichtigste am Musikmachen: Spaß haben und sich um die Musik kümmern – nicht um den Rest der Welt. Ganz egal ob ich allein in meiner Wohnung oder mit Zuschauern und Dozenten in einer Prüfung sitze. Klar: sich zu verspielen, generell etwas nicht richtig zu machen (gerade in einer Prüfung) ist nicht optimal. Aber manchmal ist es eben so. Ein falscher Ton ist noch lange kein Weltuntergang. Auch wenn ich nicht allein zuhause sitze. Es ist menschlich – und was möchte ich vor mir sitzen und spielen sehen? Einen Menschen mit Spaß an der Sache oder eine perfekte Maschine?

Etwas perfekt machen zu wollen ist nicht schlecht. Aber zu viel Perfektionismus ist schädlich. In meinem Fall führte es dazu, dass ich mehr falsche Töne produzierte als sonst. Die Aussage das Stück auch beschissen spielen zu dürfen – ja, sogar zu müssen – wirkte tatsächlich wie ein Befreiungsschlag. Für diese Erkenntnis bin ich meinem Lehrer sehr dankbar.

11 thoughts on “Der elende Perfektionismus. Oder: spiel doch mal so richtig beschissen!”

  1. Ich ärgere mich ja bis heute, dass ich meinen Klavierunterricht vor Jahren für die Fußballspiele der Jungs aufgegeben habe :/ Eine der blödesten Entscheidungen meiner “Jugend”. Dafür liebe ich es um so mehr zuzuhören.
    Und das Bild ist wirklich wunderschön! 🙂

  2. Ich musste meiner Musiklehrerin auch zustimmen, als sie früher mal gesagt hat, Musiker sind immer besser, wenn sie alleine sind! 😀

    Ich hab wirklich auch jetzt schon das Gefühl, dass meine Fotos sich ein wenig verändert haben – qualitativ, obwohl ich mit der Aussage, dass die Technik für gute Bilder wichtig ist, immer möglichst abstand nehme… Aber hol dir das Objektiv auf jeden Fall. Ich glaub im Moment bekommst du es sogar noch günstiger.

  3. Erstmal Daumen runter für meine lange Abwesenheit hier, dann Daumen hoch für diese tollen Bilder von dir, die deine Posts jetzt schmücken! Das hier gefällt mir besonders gut. Siehst richtig toll aus mit dem Hut und dem Kleid?! Rock Shirt?!
    Und der Text hat mich grad wirklich richtig reingezogen. Ich hab kurz das Gefühl gehabt ich würd an deiner Stelle sitzen, obwohl ich nichtmal Klavier spielen kann. Irgendwie konnt ich mitfühlen. Man versucht zwar auch immer alles auszublenden und weiß ja das dieser Druck nicht gut ist und oft mehr kaputt macht aber mit so einer Anweisung rechnet man ja dann doch nicht und schon gar nicht damit, dass es dann plötzlich von ganz alleine läuft. Definitiv etwas was sich einbrennt, wenn man das auf so eine Art erlebt hat. Und sicher auch für alles zukünftige eine wichige lehre! Wirklich ein toller Text du Hübsche 🙂

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